Radio Inca del Perú: Kurzwellenklassiker neu entdeckt

Die Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts waren die unbestrittene „Hochzeit“ für alle, die sich für den weltweiten Rundfunkfernempfang auf terrestrischen Frequenzen – vorzugsweise Kurzwelle – interessierten. Dutzende Auslandsdienste tummelten sich auf den Rundfunkbändern und auf bestimmten reservierten Frequenzbereichen waren auch weltweit lokale Programme zu empfangen, die einen direkten und ganz hautnahen Einblick in die Medienlandschaft eines Landes ermöglichten.

Sticker von Radio Inca

Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen und so boten vor allem die unteren Frequenzbereiche, die sogenannten „Tropenbänder“ (90 m Band & 60 m Band), eine faszinierende Vielfalt an eigentlich für ein lokales oder regionales Publikum gedachten Sendungen. Teilweise gilt dies sogar noch heute, doch ist die Zahl der auf den Tropenbändern aktiven Stationen in den letzten 30 Jahren um rund 90% geschrumpft. Die Zeiten, in denen über terrestrische Kurzwellen über hundert Stationen allein aus Peru aktiv waren, sind vorbei und kommen auch nicht wieder.

Wimpel von Radio Inca del Perú (Quelle: Sammlung Andy Schmid)

Wimpel von Radio Inca del Perú (Quelle: Sammlung Andy Schmid)

Andererseits bieten die heutigen technischen Möglichkeiten Chancen, von denen man früher nicht zu träumen gewagt hätte: Unkomplizierter Empfang, Genuss des Programminhalts und der Musik, Eintauchen in eine andere Welt. Beim Kurbeln an einem unlängst erstandenen Sangean WFR-1 Internet-Radioempfänger blieb ich bei der Liste der im Web verfügbaren Stationen aus Peru beim Namen „Radio Inca del Perú“ hängen. Die Station war in den Achtzigerjahren auf ihrer Tropenbandfrequenz 4762 kHz ein absolutes Highlight für jeden Wellenjäger. Dort waren zu nächtlicher oder frühmorgendlicher Stunde exotische Programme mit einer Unmenge von Hall und einer Musikmischung zu empfangen, die man bis dato in Europa kaum einmal gehört hatte.

Erstmals findet die Station im World Radio TV Handbook von 1959 Erwähnung. Dort ist sie auf der Mittelwelle 1470 kHz mit 300 W Sendeleistung und dem Rufzeichen OBX4E zu finden. Bereits seit 1957 ist dieses Rufzeichen auf dieser Frequenz zu finden, vorher allerdings unter dem Stationsnamen „Radio Restauración“ und mit anderer Postanschrift.

Als Kuriosum finden wir im WRTH von 1960 erstmals einen ausführlicheren Eintrag zu Radio Inca. Als Sendezeit wird dort 11 bis 6 Uhr angegeben und darauf hingewiesen, dass man auch ein tägliches Programm in japanischer Sprache bietet: „La hora radial japonesa“. Rund 3% der peruanischen Bevölkerung sind ostasiatischer Abstammung, von 1990 bis 2000 war der japanischstämmige Alberto Kenya Fujimori gar Präsident des Andenstaates.

Jingles, wie man sie in Europa nur selten hört: Bienvenidos bei Radio Inca!

Erstmals auf einer auch international empfangbaren Frequenz wurde Radio Inca del Perú im WRTH von 1962 aufgeführt. Auf der Tropenbandfrequenz 4762 kHz sendete man anfänglich mit 250 Watt unter dem Rufzeichen OCX4W von 11 bis 6 Uhr Weltzeit. Heimat der Station ist die peruanische Hauptstadt Lima.

Webseite von Radio Inca del Perú

Webseite von Radio Inca del Perú (Screenshot)

Während die Sendeleistung der Mittelwellenfrequenz in den 1960er Jahren mit 5 und 1969 nach einem Frequenzwechsel auf 1480 kHz gar mit 10 kW betrieben wurde, finden wir erst im WRTH von 1971 eine Aufstockung auf der Tropenbandfrequenz 4762 kHz auf nunmehr 1 kW. Erst hierdurch wurde ein sporadischer Empfang auch außerhalb der Landesgrenzen möglich. 1974 bis 1976 war die Tropenbandfrequenz nicht mehr im Einsatz, kehrte aber 1978 von 10 bis 7 Uhr Weltzeit mit 1 kW Sendeleistung zurück. Das WRTH von 1982 kennzeichnet die 4762 kHz als „temporär inaktiv, soll aber bald wieder eröffnet werden“. Doch es sollte bis 1984 dauern, bis Radio Inca del Perú wieder regelmäßig zu hören war. 1986 weitete man den Sendebetrieb gar aus und war fortan rund um die Uhr aktiv, ab 1988 mit gelisteten 1,8 Kilowatt. Die verlängerte Sendezeit bot im Frühjahr in Europa in der Morgendämmerung manchmal für einige Minuten eine erstaunliche Empfangsqualität. Dieses physikalische Phänomen („grey line reception“), bei dem an gewissen Tagen des Jahres beide Reflexionspunkte des Radiosignals auf dem Weg vom Sender zum Empfänger in einer Dämmerungszone liegen, wirkt oft als eine Art „Verstärker“ und kann Signale hörbar machen, die zu anderen Zeiten des Jahres kaum denkbar sind.

Blick ins Studio von Radio Inca del Perú (Quelle: Youtube)

Blick ins Studio von Radio Inca del Perú (Quelle: Youtube)

1989 wurde Radio Inca del Perú nur noch unregelmäßig mit 5 kW im Tropenband betrieben und die letzte Erwähnung dieser international hörbaren Frequenz stammt von 1992, wo man im WRTH mit 5 kW auf der Nominalfrequenz 4770 kHz aufgeführt wird. Tatsächlich wurde diese Frequenz jedoch nie beobachtet, sondern stets nur die 4762 kHz.

Auf der Mittelwelle war der Sender immer aktiv, meist sogar rund um die Uhr, doch außerhalb Perus kaum zu empfangen. 1982 wechselte man von 1470 auf 1280 kHz (5-10 kW) und seit 1987 nutzt man die auch heute noch eingesetzte Frequenz 540 kHz.

Abenteuerlich: Andensound und Rockmusik

Radio Inca del Perú übte seine Faszination auf europäische Hörer in den Achtziger-jahren vor allem durch seine exotische Musikrichtung aus. Zu hören war vor allem „música tropical andina“, die auch als „Chicha“ bezeichnet wird. Es handelt sich hierbei um eine Mischung aus kolumbianischer Cumbia, die mit Elementen der Rock-Musik, aber auch traditionellen Rhythmen der Andenregion durchsetzt ist. Eine wahrlich abenteuerliche Mischung, die offenbar in Peru eine große Anhängerschaft hat.

Lebhafte Moderation, Soundeffekte und viel Musik: So klingt das Programm von Radio Inca del Perú.

Für europäische Ohren ungewöhnlich ist auch die Art der Moderation, die oft ziemlich marktschreierisch daherkommt und mit ganz viel Hall auf den Sender gegeben wird. Und dann sind da noch die „radiomensajes“, private Nachrichten, die via Ätherwellen an Hörer in abgelegenen Gegenden geschickt werden. Sie finden sich – trotz Smartphone und Co. – heute ebenso noch im Programm, wie vor 30 oder 40 Jahren.

Ja, das hilft!

Hörer, die des Spanischen ein wenig mächtig sind, haben auch ihre Freude an den teils kuriosen Werbeeinspielungen. Eine komplette halbstündige (!) Werbesendung war in der Nacht zum 16. August 2016 ab Mitternacht peruanischer Ortszeit zu hören. Sie war so kurios, dass sie hier teilweise in deutscher Übersetzung wiedergegeben werden soll. Beworben wurden diverse Produkte des Heilers „Leonardo de Cuba“:

„Sicura“ (zu Deutsch: „Ja, das hilft!“) ist ein Gel, ein Geheimnis, das mir die Altvorderen überliefert haben, um es mit allen Leuten zu teilen. Mit allen Menschen, die kaum noch sprechen können, weil sie unter einer schrecklichen, wirklich schrecklichen Arthritis leiden. Kennen Sie das? Ja? Sie leiden unter einer schrecklichen Arthritis und die Finger und Zehen deformieren sich schon? Die Gelenke schmerzen und jucken? Sogar das Tragen von Kleidern schmerzt auf der Haut? Die Füße und die Knie sind entzündet?

Werbeposter von Radio Inca

Werbeposter von Radio Inca

Freunde, macht doch Schluss mit dem Leid und den Schmerzen. Dies ist das Wunder-Gel, das Geheimnis, das die Alten mit Leonardo de Cuba geteilt haben, diese großen Altvorderen und Freunde, die ihm ihr uraltes Geheimnis offenbart haben. Dieses Gel kann nur samstags und sonntags erworben werden, denn das sind die Tage, an denen die hierfür notwendigen Rohstoffe angeliefert werden. Das Gel wird zu einem Preis angeboten, den sich wirklich jeder immer und überall leisten kann. Für 30 Soles (peruanische Landeswährung) bekommt ihr ein Töpfchen mit Gel. Das reicht für eine komplette Behandlung, liebe Brüder. Das kostet euch nur 30 Soles. Aber wenn ihr zwei Töpfchen Gel nehmt, dann kostet euch das nur 50 Soles; das gebe ich als Rabatt. Und dies nur, damit der Schmerz euren Körper vollständig verlässt.

Dieser Schmerz, diese starken Entzündungen, die deinen Körper heimsuchen und erhitzt haben, werden durch das kühlende eiskalte Gel wunderbar gemildert. Und das klappt nur mit dem Gel, das ich euch, liebe Freunde, mitgebracht habe. Es heißt „Sicura“. Ja, es heilt die Beschwerden, 30 Soles kostet ein Töpfchen, und zwei gebe ich euch für 50 Soles. Ruft mich jetzt an unter: 99 80 81 281. Ruft an! Ruft an! Ruft doch schon an! Samstags von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, und sonntags von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr nachmittags. Liebe Freunde, hört noch einmal den folgenden Werbespot:

„Sie können nicht mehr weiterleben mit diesen schrecklichen Schmerzen in den Knochen, in den Gelenken? Sie können nicht mehr vernünftig schlafen wegen der Schmerzen? Sie müssen ab sofort all diese Probleme heilen, und zwar mit ‘Sicura’. Für den Bauern, der im Laufe der Jahre wegen seiner schweren Feldarbeit von rheumatischen Schmerzen geplagt wird, ist „Sicura“ die Lösung. Und auch unser Freund, der Taxifahrer, der Tag für Tag den kühlen Temperaturen ausgesetzt ist, genauso wie unser Freund der Fischer oder der Nachtwächter. Die ständige Kälte hinterlässt ihre Spuren in den Knochen und Gelenken. Bekämpt sie mit „Sicura“, das wundervolle Gel mit der uralten kubanischen Geheimzusammensetzung, das nur und ausschließlich von Leonardo de Cuba vertrieben wird. Die salomonische Intelligenz uralter kubanischer Heiler ist hier in einer einzigen exklusiven Formel vereinigt, um alle Krankheiten der Knochen und Gelenke zu beseitigen. „Sicura“ heilt alle Arten von Schmerz. Führen Sie wieder ein glückliches Leben! Führen Sie wieder ein Leben fernab von Schmerz und Unwohlsein! „Sicura“, das gesegnete Gel, vertreibt den Schmerz! Benutzen Sie es sofort und sorgen Sie dafür, dass Sie ab heute die magische Formel von „Sicura“ im Haus haben. „Sicura“ vertreibt den Schmerz und ist vollständig natürlichen Ursprungs. Vertrieb exklusiv bei Leonardo de Cuba. „Sicura“, das Gel, das dem Schmerz „Lebewohl“ sagt!“

…und die Lösung für alle Probleme im Bett: Werbung für „Furgoso“.

Der erwähnte Leonardo de Cuba scheint ein kommerzieller Tausendsassa zu sein. Weitere Knüller in seiner halbstündigen Werbesendung bei Radio Inca del Perú waren ein Mittelchen gegen den „bösen Blick“ sowie das Potenzmittel „Furgoso“, ebenfalls so ein Geheim-Tipp seiner kubanischen Vorfahren:

Nun, liebe Brüder, erzähle ich euch von „Furgoso“, „Furgoso“, dieses große, natürliche Wundermittel. Dieses wunderbare Produkt namens „Furgoso“ hat Leonardo de Cuba jetzt für euch im Angebot. Es hebt die sexuelle Aktivität und auch die Lebenskraft. Ja, liebe Freunde, ihr fühlt euch danach, wie ihr euch mit 17 oder 18 Jahren gefühlt habt. Du wirst wieder zu einem jungen und kräftigen Mann. „Furgoso“ kannst du auch mit deiner Partnerin gemeinsam nehmen. Und was kostet das? Nur 109 Soles. Samstag und Sonntag könnt ihr es in unserer Sprechstunde abholen. Ruft bitte die 99 80 81 281 an und reserviert schon jetzt euer „Furgoso“.

Geisterheiler Leonardo de Cuba (Quelle: Youtube)

Geisterheiler Leonardo de Cuba (Quelle: Youtube)

Es kommt noch dicker: Zur gehauchten, teils gestöhnten Hintergrundmusik von „Je t’aime“ preist eine aggressive, sonore Bass-Stimme das Produkt in den höchsten Tönen:

Liebevoll: „Forgoso“-Werbespot von Leonardo de Cuba.

Das Leben ist modern, doch die Arbeit ist stressig. Spannung beherrscht den Alltag. Du beginnst Erektionsstörungen zu haben, das sexuelle Verlangen ist weg, vorzeitiger Samenerguss oder gar sexuelle Impotenz. Dein Alter ist nicht wichtig, denn jetzt mit „Furgoso“, dem anregenden Elixir, wirst du die Energie und Leidenschaft zurückgewinnen, die du brauchst, um wieder glücklich zu sein und deine Frau glücklich zu machen. „Forgoso“ garantiert den Erfolg. „Forgoso“, damit du nie deine sexuelle Potenz verlierst. „Forgoso“, die exklusive Formel der außergewöhnlichsten Laboratorien. Bezug ausschließlich bei Leonardo de Cuba.

Logo von Radio Inca del Perú

Logo von Radio Inca del Perú

Für mich persönlich war die erneute Begegnung mit Radio Inca del Perú wie ein Déjà vu aus einer längst vergangen geglaubten Zeit. Die Station wird einen festen Programmplatz auf meinem Sangean WFR-1 bekommen, so viel ist sicher.

Michael Schmitz

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BBC Minute: News-Häppchen der BBC

Die wichtigsten Nachrichten in kürzester Zeit – im Fernsehen und im Bereich der bewegten Bilder im Internet ist das nichts Neues mehr: Die „Tagesschau in 100 Sekunden“ etwa ist längst etabliert und wird auch auf verschiedenen Nachrichten-Webseiten oder Homepages von anderen ARD-Angeboten eingebunden. Ursprünglich kommt das Konzept unter anderem von der britischen BBC – die dieses Format nun auch für das Radio aufbereitet hat. „BBC Minute“ heißt das Projekt, das momentan noch im Rahmen eines Experimentierbereichs läuft, aber bereits jetzt von jedermann online ausprobiert werden kann.

BBC Minute

Screenshot der Seite von BBC Minute.

In einem minimalistisch designten Audioplayer werden innerhalb von sechzig Sekunden die wichtigsten Weltnachrichten und teils auch bunte Meldungen von zwei Sprechern auf einem treibenden Musikbett vorgetragen. Alle halbe Stunde aktualisiert. Das geht äußerst schnell – zu schnell für Hintergründe, mehrere O-Töne oder ausführliche Einordnungen, reicht aber aus, um einen raschen Überblick über zumindest einzelne wichtige Themen zu bekommen. Dieses „News-Häppchen“ soll gerade auf Smartphones gut ankommen – dem einfachen Design und der geringen Dateigröße des Nachrichtenbulletins wegen. Denkbar wäre, dass der kleine, schmale Player auch auf anderen Webseiten eingebettet wird, auf denen man dann ebenfalls und ganz nebenbei das Tagesupdate von der BBC hören kann, auch wenn man nicht gezielt die Adresse des Players (bbc.com/minute) aufgerufen hat.

Die BBC erhofft sich von dem neuen Angebot, junge Nutzer zu erreichen – und viele sollen sich bestenfalls in Afrika aufhalten, einer wichtigen Zielgruppe für den britischen Auslandsrundfunk. Dazu passt, dass der Audioplayer von einer südafrikanischen IT-Firma entwickelt wurde.

 

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Responsive Radio passt sich an den Hörer an

BBC Research & Development ist die Experimentierwerkstatt des öffentlich-rechtlichen britischen Rundfunks. Die BBC entwickelt hier neue Konzepte und Techniken für die journalistische Arbeit und tastet sich auch an neue Erzählformen für TV-Reportagen oder Internet-Newsdienste heran. Einzelne Projekte werden etwa innerhalb des Onlineportals „BBC Taste“ ausgestellt, auf der Nutzer die neuen experimentellen Formate ausprobieren und bewerten können.

Screenshot BBC Taster / Responsive Radio

Kein normaler Audioplayer: Wer hier am Regler regelt, kann die Spieldauer der Reportage anpassen und verpasst (fast) nichts. Screenshot bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Eines dieser Projekte, das definitiv das Potenzial hat, die Radiowelt sowohl auf Seiten der Hörer als auch der Journalisten stark zu verändern, ist das „Responsive Radio“. Der Begriff des „responsive designs“ ist in Bezug auf die Programmierung von Webseiten bereits etabliert, hier geht es um Internetseiten, die sich z.B. an die Bildschirmgröße des genutzten Desktop-PCs, Smartphones oder Tablets anpassen. Bei „Responsive Radio“ ist das ganz ähnlich, nur dass hier der Inhalt eines aufgezeichneten Radioprogramms zum Beispiel an die Zeit angepasst wird, die dem Hörer zum Radiohören zur Verfügung steht. In der Praxis funktioniert das bereits: Ein Radiofeature der BBC wurde vom „Research & Development“-Team so angepasst, dass der Nutzer im Onlineplayer auf der Webseite angeben kann, wie viel Zeit er hat, um sich das Feature anzuhören – vielleicht auch entsprechend wie stark ihn das Thema interessiert, wie weit er also in die Materie einsteigen will. Mithilfe eines Schiebereglers lässt sich die gewünschte Hördauer zwischen 12 und 24 Minuten anpassen, nach einen Klick auf „Play“ beginnt dann die Wiedergabe. Der Hörer wird bei der kürzesten Wunscheinstellung von 12 Minuten also keine essentiellen Informationen verpassen. Wer sich hingegen 20 oder sogar 24 Minuten Zeit nimmt, kann hingegen noch weitere Original-Zitate der Interviewpartner, Hintergrundinformationen oder Musikeinspielungen erwarten.

Logo: BBC Taster

Quelle: BBC

Möglich wird dies mittels „Object Based Broadcasting“. Dabei wird nicht mehr wie üblich das komplette Radiofeature als MP3-Datei gestreamt. Für das „Responsive Radio“ wurde das es in rund 30 Einzelteile geschnitten. Diese Einzelteile können O-Töne oder einzelne Sätze des Sprechers des Beitrages sein. Je nach voreingestellter Länge spielt der intelligente Webplayer dann entweder alle Kapitel in ihrer Reihenfolge ab oder überspringt einzelne Teile, die in der Produktion durch die Journalisten als weniger essentiell markiert wurden, um die Geschichte und Dramaturgie des Beitrags zu begreifen. Im Rahmen des Experiments kann dieser Webplayer dem interessierten Nutzer auch genau anzeigen, welche „Audioschnippsel“ ihm aufgrund seiner Voreinstellung abgespielt und welche übersprungen wurden. Alle diese Einzelteile enthalten aber vornehmlich Sprechertexte oder O-Töne und andere Einspieler. Hintergrundmusiken werden separat angeliefert. Das hat den Vorteil, dass der Sprechertext zwar „geschnitten“, also ein Zwischenteil übersprungen wird, die Musik im Hintergrund aber flüssig zu hören ist, es existieren also zwei Audiospuren parallel. Außerdem kann der Lautstärkeunterschied vom Hörer auf Wunsch manuell nachgeregelt werden, was bei „fertigproduzierten“ MP3-Podcasts natürlich unmöglich wäre.

Das „Responsive Radio“ kann aber auch viel simplere Aufgaben erfüllen: Je nach genutztem Endgerät kann sich die Audioqualität automatisch anpassen. Das heißt: Wer einen aufwändig produzierten Radiobeitrag im heimischen Wohnzimmer auf der Surround-Sound-Anlage hört, bekommt automatisch die Surround-Version präsentiert. Andere Hörer erhalten eine normale Stereo-Version – und wer unterwegs ist und per Smartphone via Handynetz auf Empfang ist, dem wird eine Version angeliefert, deren Dateigröße etwas niedriger oder auf Kopfhörernutzung optimiert ist.

In einer durch die BBC auf den Münchner Medientagen vorgestellten Vision kommen alle Ansätze zusammen: Eine schlaue Radioplayer-App auf dem Smartphone erkennt etwa, wie lange der tägliche Weg zur Arbeitsstelle oder zur Universität ist (Apple und Google tun dies teilweise mittels GPS jetzt schon), bzw. wie lange am Morgen die Radio-App eingeschaltet ist. In den kommenden Tagen wird das Programm dann genau für den Hörer vorkonfektioniert, sodass er im Idealfall alles Wichtige vom Tage (und vielleicht noch ein bisschen mehr) bei seiner Ankunft am Zielort gehört hat. Inwiefern sich dann noch Musikstücke, aus dem linearen Programm (in Form von ganzen Live-Blöcken aus einer Radiowelle) oder der persönlichen MP3- bzw. Spotify-Playlist in diesen Ablauf einplanen lassen, wird sich zeigen. Das Projekt steht noch am Anfang, schließlich sind die Vorbereitungsschritte hinter den Kulissen noch groß. Denn Radiostücke werden von den Journalisten momentan nicht in modularer Form ins Sendesystem übergeben, wie es für das „Responsive Radio“ nötig wäre, sondern als klassische, „komplette“ Audiodatei. Auch der Bearbeitungsprozess für die Redakteure müsste sich also im Idealfall verändern, in Sachen Bearbeitungssoftware und Beitragsplanung gleichermaßen (wo können Schnittpunkte gesetzt werden, welche Beitragsteile sind „weniger wichtig“?).

Der experimentelle Responsive-Radio-Player zeigt an, welchen Pfad man durch das Radiostück nimmt, wenn man viel Zeit hat (oben) oder wenig (unten). Dann werden einzelne Kapiten übersprungen. Screenshot: bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Der experimentelle Responsive-Radio-Player zeigt an, welchen Pfad man durch das Radiostück nimmt, wenn man viel Zeit hat (oben) oder wenig (unten). Dann werden einzelne Kapiten übersprungen. Screenshot: bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Sicher ist, dass sich „Responsive Radio“ nicht für jedes Radioprogramm eignen kann – natürlich viel eher für wortgeprägte Sender als für reine Musikstationen mit unterhaltendem Charakter, die kaum Service- und Nachrichtenbeiträge im Programm haben. Festzuhalten bleibt aber, dass sich Radio mit einem System wie diesem, Internetverbindung vorausgesetzt, unbemerkt in die Tagesabläufe eines jeden Einzelnen integrieren kann. Anders als bisher passt sich das Radio automatisch an die Bedürfnisse des Hörers an. Ob sich dieser Ansatz durchsetzen kann, wird sich zeigen – vorstellbar wäre es aber auf jeden Fall.

Weitere Informationen
Beispielreportage der BBC als „Responsive Radio“-Projekt (jedoch nur innerhalb Großbritanniens abrufbar oder mittels Proxy-Server)

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Und dann kam Apple und erfand das Radio nicht neu

„Wie sieht die Zukunft des Radios aus?“ – Kaum eine Phrase ist in den gängigen Radio-Fachzeitschriften, Online-Branchendiensten sowie auf Medienkongressen stärker überstrapaziert worden als diese. Und jetzt kommt Apple und zeigt, in welche Richtung die Reise gehen könnte. Der Weg ist nicht neu.

Zane Lowe, Ebro Darden und Julie Adenuga. Foto: Apple

Haben ihren eigenen Radiosender und deshalb gute Laune: Zane Lowe, Ebro Darden und Julie Adenuga. Foto: Apple

Während in diversen Funkhäusern über das Für und Wider einer UKW-Abschaltung zugunsten von DAB+ oder klassischen Onlinestreams debattiert wurde, entwickelten sich im Web Musikangebote, die den klassischen Hörfunk obsolet machen könnten: Streaming-Dienste wie das in Schweden gegründete Spotify liefern den Nutzern auf Wunsch fast jeden Song, jedes Album, egal aus welchem Genre, ganz legal. Rund 75 Millionen Menschen weltweit hören Musik über Spotify, gibt das Unternehmen an. Und wer sich von Werbeeinblendungen nicht stören lässt, muss noch nicht mal einen Cent zahlen – sofern eine Internetverbindung besteht. Für weniger als 10 Euro im Monat lassen sich ganze Alben oder Playlists sogar offline hören, das heißt auch problemlos im Auto, Flugzeug oder in der Einöde, wo es kein Handynetz gibt (Spotify entwickelte auch eine passable Handy-App). Und wer sich seine persönliche Musikauswahl nicht selbst zusammenstellen will, lässt Spotify die Arbeit übernehmen: Abgestimmt auf die Interessen des Nutzers spielt die Software einen „Radiosender“ ab, eine Playlist, die sich stetig verbessert, je mehr Lieder positiv vom Nutzer bewertet oder genervt weggeklickt werden. Aktuell experimentieren diverse Rundfunksender damit, darunter auch ARD und Deutschlandradio, ihre Hörfunkbeiträge in Spotify zu integrieren. Klappt das und findet es anklang, ist lineares Radio, bei dem ein Moderator oder eine Redaktion die Musik starr vorgibt, die die Hörer gefälligst hören müssen, überflüssig. Was soll das noch, wenn eine Software mit gigantischem Computergehirn und ebenso gigantischem Wissen über seine Hörer das Radioprogramm viel besser gestalten kann? Für jeden Nutzer einzeln personalisiert?

Unangepasst und ungezähmt

Die Sache mit dem Musikstreaming wurde so beliebt, dass auch Apple sich einen entsprechenden Dienst erschuf, der alles konnte, was auch das Eingangs erwähnte Spotify beherrschte. Aber nicht nur das: Zum neuen Angebot „Apple Music“ kam auch ein eigener Online-Radiosender dazu: Beats 1. Jeder kann ihn hören, egal ob er ein Apple-Produkt besitzt oder nicht, egal ob er für den Musikstreamingdienst von Apple bezahlt oder nicht. Notwendig ist einzig die neueste Version von Apples kostenfreier Software iTunes (alternativ die „Apple Music“-Smartphone-App) und ein entsprechendes Benutzerkonto. Im Menüpunkt „Radio“ findet sich dann entsprechend prominent platziert ein Play-Button. Und tatsächlich ist Beats 1 keine seelenlose Playlist. Es gibt Moderatoren, die (nach Angaben von Apple) live moderieren, die die Musik aussuchen, die zwischendurch plaudern. All das, was das traditionelle Radio auch schon konnte, nur dass es jetzt wieder cool ist. Man holte sich klassische Radioleute: Zane Lowe moderierte jahrelang bei BBC Radio 1, Julie Adenuga war bei einer Privatstation in London on air, Ebro Darden ist bekannter Radiomoderator aus New York. Alle moderieren auf Englisch und richten sich an ein Millionenpublikum in den verschiedensten Ländern. Hinzu kommen Gast-DJs, manche von ihnen äußerst prominent, Elton John stellt in seiner „Rocket Hour“ etwa seine persönlichen Lieblingssongs vor.

Anstrengend. Und gut.

Logo Beats 1Die Musikauswahl klingt urban und für deutsche Hörer fast schon etwas anstrengend, da sie nicht so angepasst und weichgespült ist, wie bei den meisten Stationen hierzulande, die versuchen, so viele Abschaltimpulse zu vermeiden wie möglich. Bei Beats 1 landen neben Songs aus den Pop-Charts auch Titel aus den Genres Elektro oder Hip-Hop im Programm. Das mag nicht jedermanns Sache sein, klingt aber cool und ein bisschen ungezähmt.

Die Moderatoren bemühen sich hörbar darum, ein klassisches Radiogefühl zu transportieren: Da wird vorgelesen, von wo auf der Welt gerade zugehört wird, was die Hörer aus Indien, Deutschland, Großbritannien oder den USA gerade schreiben oder zu welchen Konzerten sie unterwegs sind. Wer Beats 1 hört, gehört zur Beats 1-Gemeinschaft, ist so cool wie Beats 1 auch. Ein Gefühl, das einst Stationen wie Radio Luxemburg oder SWF 3 vermittelt haben – und das bei vielen Radiostationen inzwischen verblasst ist.

Kommen wir also auf die leidige Frage vom Anfang zurück, die mit der Radiozukunft. Die ist so lächerlich wie simpel beantwortet: Die Zukunft des Radios liegt in gutem Radio: Persönliche Ansprache, Reaktionen auf aktuelle Ereignisse oder Infos zur Musik, die gleich gespielt wird und das „Radiogemeinschaftsgefühl“: Das kann kein Streaminganbieter mit einer zusammengewürfelte Playlist leisten, so gut sie auch auf die Nutzerwünsche abgestimmt sein mag. Das mag gute Musik sein. Gutes Radio aber ist persönlich und sympathisch – im Idealfall.

So sehr man gegenüber Apple und der pseudo-religiösen Aura um dieses Unternehmen herum Aversionen hegen mag: Beats 1 ist gut, die Ideen dahinter aber nicht neu. Nur hat eben das „richtige“ Unternehmen sie gerade wiederentdeckt, das selbst die entsprechende Coolness mitbringt, die manche Hörfunkmarken längt verloren haben. Auf dass viele Radiomacher diese alten Ideen ebenso wiederentdecken mögen.

Bildquelle: Apple.

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Popland Island

Sonnenuntergang in Island. Foto: Radio-Kurier

Überraschung: Island ist sowohl im Radio als auch im Auge landschaftlich sehr schön.

Jetzt, wo es plötzlich doch noch Winter in unseren Breitengraden wird, ist es an der Zeit, uns akustische Expertise aus einem Land zu holen, das weiß, wie es ist, Ewigkeiten in viel zu dunklen Winterabenden zu verbringen. Und der Rundfunksender dieses Landes kann mit möglichst fröhlicher und anregender Popmusik dazu beitragen, dass eben diese düsteren Tage ein wahres Fest für die Ohrmuscheln der geneigten Hörer werden. (mehr …)

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DIY.fm und Co: Radio zum Selbermachen

DIY.fm Logo. Quelle: DIY.fmBereits im vergangenen Post haben wir einen Blick in die Radio-Glaskugel geworfen: Die Smartphone-App „NPR One“ des US-amerikanischen National Public Radio spielt genau die Wortbeiträge, die den Hörer interessieren – egal wo er sich aufhält oder welche Interessen er hat. Außerdem überzeugte die leichte Handhabung. Selbstverständlich sind dort alle Inhalte nur auf Englisch verfügbar. Doch auch zwei Angebote aus dem deutschsprachigen Raum versuchen das Internetradio zu personalisieren und vielleicht sogar auf diese Weise zu revolutionieren. Grund genug, einen Blick auf diese Projekte zu werfen: DIY.fm aus der Schweiz und MyRadioDay aus Deutschland. (mehr …)

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NPR One: Die Radiozukunft ist da

NPR One funktioniert am PC und auf dem Smartphone gleichermaßen.

NPR One funktioniert am PC und auf dem Smartphone gleichermaßen.

Wie die Zukunft des Radios aussehen mag, darüber streiten Radiohörer und Radiomacher gleichermaßen. In den vergangenen Wochen erreichte den geneigten Beobachter jedoch eine Neuerung aus den USA, die aufzeigt, welche Richtung die Zukunft des Hörfunks einschlagen könnte. Wir haben die App NPR One aus Washington ausprobiert.
(mehr …)

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Langs Countrynacht

Georges Lang / RTL. Foto: facebook.com/GeorgesLangLesNocturnesFreitags um Mitternacht schlägt die Stunde von Georges Lang. Genauer gesagt schlagen sogar gleich seine drei Stunden. Denn dann verwandelt er das französische Radio-Vollprogramm RTL in einen Countrysender von der US-Ostküste mit dem Namen WRTL. (mehr …)

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Radioklassiker aus Venezuela: Ecos del Torbes

Ecos del Torbes

Wir schreiben das Jahr 1947. Gregorio Gonzalez Lovera, ein technikbegeisterter junger Mann aus Cojedes entschließt sich, San Cristóbal im Estado Táchira in Venezuela mit Radioprogrammen zu versorgen. Daraus wird eine der in Übersee beliebtesten und interessantesten Radiostationen aus Lateinamerika: Ecos del Torbes. Der Sender, der einst im Kurzwellen-Tropenband zu hören war, kommt zu uns heute per Livestream. Wir haben reingehört. (mehr …)

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Radio für Stadt und Welt

Blick auf StockholmIn unserem heutigen Blick in die Welt des Webradios schauen und hören wir nach Schweden. Hier hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwei interessante Sonderkanäle gestartet, die sich beide an eine Hörerschaft wenden, die mehr hören will als nur die Musik aus dem eigenen Land: SR Metropol und SR P2 Världen. Zweimal Weltmusik – aber beide Male doch ganz anders. (mehr …)

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Frühstückswelle von der Oker

Oker (ohne Wellen)Kleine, lokale Bürgerrundfunksender und Offene Kanäle sind häufig ein spannendes Hort von ausgefallen Spartensendungen. Unter der Vielzahl der Sender mit ihren engmaschigen Sendeplänen und oft nur kleinen Empfangsgebieten die wahren Perlen herauszufinden, ist häufig Glückssache. Wer gelegentlich auf der Autobahn 7 auf Höhe Hannover/Braunschweig verkehrt, kann sich jedoch glücklich schätzen, das Sendegebiet der Okerwelle zu streifen. Gerade am Sonntagmorgen, von 09.00 bis 12.00 Uhr Ortszeit lohnt es sich, die Braunschweiger UKW-Frequenz 104,6 MHz oder den Livestream der Station einzuschalten. (mehr …)

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Neue Welle aus den 80ern

MadnessDieser Radiosender spielt nur Musik, die aus den Endsiebzigern und 1980ern kommt – und mit etwas Humor könnte man behaupten, dass das Design der sendereigenen Webseite sich seitdem offenbar auch nicht mehr verändert hat. Noch nicht mal eine eigene Domain gönnten die Betreiber von Gem Radio aus Irland ihrem Programm, dass einen modernen Webauftritt mehr als verdient hätte. (mehr …)

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Die wahren 90er

Der dänische Rundfunk Danmarks Radio leistet sich im Internet ein ungewöhnlich großzügiges (und vermutlich auch teures) Podcast-Angebot: Musiksendungen sind in guter Tonqualität kostenlos und in voller Länge herunterladbar – in Deutschland wäre das vermutlich aufgrund der komplizierten Urheberrechte undenkbar.

Camilla Jane stellt „De rigtige 90’ere“ im Studio von DR P6 zusammen. Foto: DR

Und so bietet die dänische Digitalwelle DR P6 ebenfalls viele ihrer Spezialsendungen zum Download, darunter auch „De rigtige 90’ere (…og det der ligner)“, was man etwa als „Die wahren 90er (und was sonst noch dazu passt)“ übersetzen könnte. (mehr …)

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